Abhandlung über die Dialektik der Disziplinierung aller musischen Rezeption.

Abhandlung über die Dialektik der Disziplinierung aller musischen Rezeption.

Als Beginn erscheint es mir für sinnvoll das zu klärende Problem darzustellen, ist es doch ein umfangreiches – weniger im Sinne der tatsächlichen Tiefgründigkeit, mehr im Sinne der vermuteten Vielschichtigkeit und des Umfangs der zu klärenden Schwierigkeit. Idk.

Macht es in der narrativen Bedeutung Sinn, ist es irgend möglich nachvollziehbar, dass die Rezeption alles Musischen nicht ebendiese bleibt? Wer ist schuld an der allgemeinen Erscheinung, ein Technikverständnis der  Rezipienten in nicht Malerischen oder Bildenden, sondern in den Tonalen Künsten um Dekaden hinter den entsprechend anderen ist?

Die Schwierigkeit dieses Problems liegt vielmehr in der Oberflächlichkeit als in   der tatsächlichen Tiefe, wie schon gesagt. Ohne jedoch zu verstehen was diese eben genannte Oberflächlichkeit ausmacht und worum sich diese Oberflächlichkeit schlingt ist es nicht möglich ebendiese zu verstehen. Rein historisch ist das tatsächliche Ergebnis immer von Technik und Material abhängig, auch, beziehungsweise und, wendet sich aber alles Musische immer mehr davon ab. Teilweise offen, teilweise unbemerkt und meistens ohne eine tatsächlich bewusste Intention. Die Polarität, das Interessante, vor allem das Interessante, an dem Thema ist Inwiefern sich dessen Behandlung verändert, vor allem hinsichtlich der Rezeption.

Aufgegliedert in das rein erfassbare und das unterbewusst aufgenommene, besteht die Antwort zumindest teilweise darin, dass dem Tempus bedingt eine Fixierung auf das technische, der Technik im vollziehenden Moment, ein hoher Wert zugeschrieben wird, grundsätzlich also in jedem erdenkbaren und wirklichen Bereich. Verstehen sich doch die meisten Menschen vertraut und geübt, das Können eines Einzelnen als Kunst, Musik oder Malerei zu fassen, besteht die eigentliche Frage jedoch darin, warum ein Anspruch auf das rein Technische im Bereich der Musik viel höher geschätzt wird als in  den meisten anderen musischen Bereichen – diese Behauptung basiert natürlich auf rein subjektiven Erfahrungen statt auf wissenschaftlichen. Diese – meine – subjektive Erfahrung reicht dennoch als Rezeption und als Fußzeile bei Weitem aus.

Doch beschränkt man sich in dieser Abhandlung, dieser Beobachtung und Problemerfassung auf das musische Technik- und Materialverständnis beziehungsweise deren Wertschätzung und Bedeutung. Ohne umfassende historische Wandelbarkeit ist leicht zu sagen, dass die Akzeptanz beziehungsweise Gewöhnung an die Abwendung vom handwerklichen und technischen Bewusstsein oder – Ehrgeiz in der Musik – allgemein in der tonalen musischen Disziplin noch viel weiter am Anfang steht vergleicht man es mit rein retinalen beziehungsweise plastischen musischen Disziplinen. (Einschub: plastische musische Disziplinen umschreiben bzw. beschreiben das plastische und retinale Moment von Kunst in diesem Sinne). Wir betrachten also im heutigen Sinn eine technisches Vermögen in der Musik als großes Talent, als große Gabe, währenddessen man seit  sehr langer Zeit in der eben genannten anderen Disziplin eine Abwendung vom technischen hin zum Moment des Materials und des Geistes als etabliert betiteln darf. In der Musik umfasst die Musique Concrète verglichen dazu nur eine kleine Sparte, beachtet man dabei ausschließlich die Massen, die behaupten dem ganzen Zirkus etwas abzugewinnen. Lediglich aber diese genannte Sparte operiert im einfachen Sinne malerisch, so sieht beispielsweise Helmut Lachenmann die Kunst des Komponierens – wie er es auch nennt – des Instrument-bauens als vom Geist beherrschte Magie, welche nur dann Botschaft erhälten sofern ein Bruch des Vertrauten durch die Abwandlung der dagewesenen Strukturen als grundsätzliche Prämisse angenommen wird.  Bei weiteren räsonablen Reflektionen über das Thema stößt man sich sehr schnell an der grundsätzlichen Bedeutung vom Können und dessen Rezeption an sich. Können an sich beschreibt eine der althergebrachten, beziehungsweise bereits bestehenden Techniken zu beherrschen, zu perfektionieren ohne dabei Fehler zu machen – umschreibt das Können dennoch in einem gewissen Sinn eine Tradition, so kann sie von der Tradition aus weiter gehen um neue Wege zu beschreiten. Können muss sich nicht nach hinten orientieren, Können darf und soll sich nach vorne orientieren. In den meisten Fällen orientiert es sich aber noch nach hinten: um etwas zu Können muss etwas da gewesen sein. Entwickelt man etwas, kann man es nicht Können, sondern man erfindet eben jenes indem man die vorher dagewesene Technik (womöglich) beherrscht und diese weiterdenkt – oder nur mit Vorahnungen dessen etwas Neues entdeckt. Das rein literarische erspare ich an der Stelle, weil es wirklich zu keinem Interesse führt, beziehungsweise kein Interesse besteht Können aufzuschlüsseln, es geht ausschließlich um das philosophische Verständnis des Wortes. So beziehen wir uns jetzt mit diesen Grundkenntnissen wieder aus das grundsätzliche Thema der musischen Disziplinen und der Rezeption im Wandel des Tempos, so ist zu sagen dass in der Musik und der tonalen Disziplin ein Können von Protagonisten und deren Material sehr hohem Stellenwert ist, während in der retinalen, kreativen Disziplin das Können in keiner Weise vorausgesetzt beziehungsweise geschätzt wird, insofern man fachintern darüber diskutiert und dabei Können als nicht-kreativ angenommen wird.

Schlussfolgernd lässt sich also durchaus behaupten, dass eine Disziplinierung im Sinne der Aufnahme und Rezeption des Musischen Ganzen niemals gefordert wird und wurde, vielmehr traditionsbedingt entstanden ist, daher existiert. Einen genauen Grund für die herrschende Situation ist nicht festzulegen, spielen doch viele Faktoren eine Rolle, sofern ist es nur möglich diese festzustellen, nicht aber diese zu nummerieren.  Interessant wird, das Thema in einigen Jahrhunderten zu analysieren, wenn womöglich eine gewisse Naissance der allgemeinen Musikrezeption stattgefunden hat, diese das retinal aufgenommene sogar überholt.